Karte
 

Von der Trasse in die Schwimmhalle

Bernhard Radigk war der erste Schwimmhallen-Leiter

Autor
Heidrun Seidel
 
Datum
25/11/2004
 
Quelle
Lausitzer Rundschau
 
Stichworte
geschichte
schwimmhalle
Foto/Abbildung
Heidrun Seidel

Bernhard Radigk (2.v.l.) neben Bürgermeister Fränkel am 1. September 1978 bei der Schwimmhalleneröffnung.

Finsterwalde. «Das war orange, ein richtig grelles Orange – das war damals so», lacht Bernhard Radigk (52) schallend, als er sich Fotos von der Eröffnung der Finsterwalder Schwimmhalle 1978 anschaut und die – weil sie schwarzweiß sind – mit farbigen Erklärungen ausmalt. Rank und schlank im eng anliegenden Dress schreitet der damals 25-Jährige neben dem Finsterwalder Bürgermeister Karl-Heinz Fränkel. «Dann wurden Reden gehalten und die symbolischen Schlüssel weiter gereicht», erinnert er sich.

Bernhard, heute Chef des weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Finsterwalder Brauhauses Radigk, war damals gerade von der Trasse zurückgekommen. Dort, im ersten Jugendobjekt der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zum Bau einer Erdgastrasse in der Sowjetunion, war er drei Jahre. Noch heute blitzen seine Augen, wenn er davon erzählt. Gut verdient haben die jungen Leute, aber auch hart gearbeitet. Bei Wind und Wetter, bei 30 Grad Minus und zwölf bis 16 Stunden am Tag. Seite an Seite mit Hunderten anderen jungen Leuten war das für den Abenteurer eine «unvergessliche Zeit». Und schon hat er Geschichten parat: Wie er als Koch, der dafür zuständig war, dass die Bauleute gut versorgt waren, bei den Bauern Samogan, den Selbstgebrannten, erstand. Wie er unverhofft die ukrainische Gastfreundschaft erlebte, als er in eine Bauernhochzeit geriet und dort selbstverständlich wie ein langjähriger Freund mitfeierte. Oder wie sich die Hobbyfußballer aus der DDR nach einem gegen die Einheimischen gewonnenen Spiel lieber aus dem Staub machten, weil sie in den ausgiebigen Siegesfeiern meist doch unterlegen waren. «Vor allem aber mussten wir richtig schuften. Die Zeit hat mich geprägt.» Mit einigen für diese drei Jahre nützlichen Eigenschaften war der junge Koch schon vorher ausgestattet. Als Leistungssportler durchlief er die Stationen der DDR-Sportförderung, war als Schwimmer an der Kinder- und Jugendsportschule und im Sportklub Dynamo Berlin. Er trainierte die 400 und 1500 Meter Lagen. Das bringt Ausdauer und Disziplin. «Wäre ich sonst jetzt noch hier», sagt er lächelnd, aber auch mit sorgenvollem Blick auf die wirtschaftliche Lage seiner Heimatstadt, die ihn nicht kalt lässt und die ihn auch als Gastwirt trifft – und will sagen: Sport ist wichtig für junge Leute. So, dass sie nicht gleich umkippen, wenn etwas schief geht im Leben. Dass sie nicht gleich hinschmeißen, wenn etwas nicht so läuft, dass sie anpacken können – und dass sie lernen, dass ein gegebenes Wort auch gilt. Und deshalb findet er es auch richtig, dass den sportlichen Möglichkeiten in der neuen Halle Priorität gegeben werden. Vielleicht waren es diese Eigenschaften, die die Verantwortlichen damals in dem jungen Mann sahen. Bernhard Radigk jedenfalls war ziemlich stolz, dass man in ihn so viel Vertrauen setzte – und ihm die Leitung der neuen Halle, auf die sich die Leute in der kleinen Stadt so gefreut hatten, antrug. Für vier Schwimmmeister und zehn Leute im Servicebereich war er zuständig, «und das lief bestens.» Die Arbeit mit der BSG Fortschritt ging Hand in Hand, «wir haben Schwimmunterunterricht angeboten, Wettkämpfe organisiert, hart trainiert, und wenn es etwas zu reparieren gab, halfen uns völlig unkompliziert die Betriebe aus der Stadt. Und es gab einen super Zusammenhalt, eben typisch Ossis». Dass er 1988 nach zehn Jahren dennoch ging, hat vor allem damit zu tun, dass die Mutter in der seit Generationen von der Familie geführten Gaststätte aufhören wollte. Da begann für Bernhard ein neues Abenteuer . . .



Verwandte Zeitungsartikel

06/03/2008
Finsterwalder Schwimm-Club-Geschichte(n)
Rezension unseres "Jubelbuches" von Jürgen Weser

05/05/2007
Emil Goldmann hat das Restaurant 1923 gekauft
wiedermal im Postkartenrätsel der Lausitzer Rundschau gefragt: das Restaurant Wassersport (Artikel 2/2)

05/05/2007
Aus dem Warmwasserbecken wurde ein Tanzsaal
wiedermal im Postkartenrätsel der Lausitzer Rundschau gefragt: das Restaurant Wassersport (Artikel 1/2)

21/04/2007
«Ich bin sprachlos, mehr als sprachlos»
Bericht von einer erneuten Diskussionsrunde zur Debatte um die Sportstättengebühren in Finsterwalde

27/01/2007
Hohe Entgelte wären «Todesurteil für die Vereine»
Bericht eines Treffens bei der PDS.Linkspartei zur geplanten Gebührenerhöhung bei den Finsterwalder Sportstätten

20/12/2006
«Der Vorschlag ist längst überfällig»
Interview mit Johannes Wohmann, Bürgermeister von Finsterwalde, zur geplanten Gebührenerhöhung für die Nutzung der städtischen Sportstätten